Fernwahrnehmung

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Unter Fernwahrnehmung (engl. Remote Viewing oder Remote Perception) versteht man das angebliche Erlangen von Informationen über einen Ort oder eine Szene (Ziel oder Target), von dem der Wahrnehmende (Perzipient) räumlich getrennt ist. Der Begriff ist nur beschreibend und vermeidet okkulte Implikationen. Zwei Pioniere der Forschung, Russell Targ und Harold Puthoff, haben 1977 erklärt: „Das grundsätzliche Phänomen überspannt anscheinend eine Reihe von subjektiven Erfahrungen, die in der Literatur beschrieben wird als Astralprojektion (okkult), einfaches Hellsehen, ‚wanderndes’ Hellsehen oder außerkörperliche Erfahrungen (parpsychologisch), Ausleiblichkeit (psychologisch) oder Autoskopie (medizinisch).

Bei Fernwahrnehmungsversuchen kann ein Sender oder Agent am betreffenden Ort durch Konzentration (und späteres Feedback) auf quasi telepathischem Weg Informationen „bereitstellen“; in manchen Versuchen war kein Agent vor Ort oder der Perzipient hatte nur Koordinaten zur Verfügung. Die Experimente laufen gewöhnlich als „Free-response“- Versuche ab: Der Wahrnehmende schildert in freier Rede, was ihm vor sein geistiges Auge kommt oder macht eine Skizze. Unabhängige „Richter“ klassifizieren dann das Ergebnis. Frühe Laborexperimente ab den dreißiger Jahren waren oft „Forced-choice“-Experimente: Der Proband musste angeben, welches Kartensymbol er gesehen zu haben meinte; die Chance war 1:3. Doch das Vorgehen im Labor erwies sich als zu monoton und motivationsstörend.

Geschichte 

Es gab immer wieder Berichte von Menschen, die angeblich Geschehnisse in der Ferne richtig angaben. Dabei mögen die Perzipienten (etwa Emanuel Swedenborg) persönlich involviert gewesen sein oder durch Bande der Verwandtschaft telepathisch vom Tod eines Verwandten Kenntnis bekommen haben (die sogenannten „Crisis apparitions“, die sich durch körperliche Symptome oder Halluzinationen äußern können). Erste Free-Response-Versuche unternahmen A. W. Thaw (1892), Upton Sinclair (1930; zusammen mit seiner Frau, die in einem Nebenzimmer sich auf Objekte konzentrierte, worauf Sinclair seine Eindrücke aufzeichnete) und René Warcollier (1938).

Systematisch wurde die Fernwahrnehmung indessen von den US-Amerikanern untersucht. 1970 startete das Stanford Research Institute (SRI) in Menlo Park (Bundesstaat Kalifornien), das der Universität Stanford angeschlossen war, Versuche mit einem Team begabter Medien. Gegründet hatte das Projekt der amerikanische Physiker Harold Puthoff, dem sich sein Kollege Russell Targ anschloss. Aus den Versuchen entstand das sogenannte Coordinate Remote Viewing, welches zusammen mit den daraus entstandenen Variationen im Deutschen heute generell als Remote Viewing bezeichnet wird. Von 1973 bis 1988 wurde intensiv experimentiert, dann wanderte das Programm (1990) zur Science Applications International Corporation (SAIC) in Palo Alto (Kalifornien), deren Leiter Edwin May war.

Seit 1970 wurde das Remote-Viewing-Projekt von amerikanischen Bundesbehörden – darunter die Armee, die Marine, die NASA und der Geheimdienst CIA – finanziell unterstützt, da man Anfang der siebziger Jahre eine „Psi-Lücke“ (Psychic gap) gegenüber den Russen feststellte. Die aus sechs begabten Medien bestehende Gruppe arbeitete isoliert an militärischen Projekten, versuchten Atomraketen, geheime Militärgelände und unterirdische Stationen zu entdecken. Ende der siebziger Jahre sprang die Defense Intelligence Agency (DIA) für die CIA ein und gab dem Projekt den Codenamen Stargate. 1989 wurde das Programm für geheim erklärt, 1995 ihm indessen die Unterstützung entzogen. In den 24 Jahren hatte die Regierung die Aktivitäten der kleinen Gruppe mit insgesamt 20 Millionen Dollar unterstützt. Die offizielle Begründung hieß, die Arbeit der Gruppe habe nicht viel gebracht.

Auch an der Princeton-Universität wurde Fernwahrnehmung betrieben, mit der Spielart „präkognitiv“. Robert Jahn leitete das PEAR (Princeton Engineering Anomalies Research) und legte 1987 in den USA mit dem Buch „Margins of Reality“. einen theoretisch fundierten Bericht vor. Eine weitere Grundlage waren die Ganzfeld-Versuche etwa von Charles Honorton aus Edinburgh, bei denen sensorisch abgeschirmte Versuchspersonen im Labor aufskizzieren sollten, was sie von dem gesehen hatten, was Agenten in einem Nebenraum an Videoclips oder Bildern betrachteten. Dies war einer der erfolgreichsten Versuchsansätze der Parapsychologie der vergangenen Jahrzehnte.

Methode

Auch das Freiburger „Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene“ stellte einen Versuch an, bei dem der Agent (Elmar Gruber) sich in Rom aufhielt, der Perzipient (eine Frau, Marilyn Schlitz) in Minnesota ihre Eindrücke niederschrieb. Der Bericht über die erfolgreichen Versuche wurde im Dezember 1980 veröffentlicht.

Damit ein Fernwahrnehmungs-Versuch nicht nur ein Gesellschaftsspiel bleibt, müssen strenge Kriterien eingehalten werden. Es darf zwischen Perzipient und Agent keine Verbindung geben; das Target (Ziel) muss vor dem Versuch zufällig, am besten durch den Computer, ausgewählt werden; die Skizzen und Schilderungen des Perzipienten müssen nach einem festgelegten Schlüssel von einem Richter (besser: mehrere Richter), der weder Ziel noch die Beteiligten kennt, bewertet werden. Beim Freiburger Versuch wurde die Übereinstimmung mit einer Zahl zwischen 1 (sehr niedrig) und 10 (perfekt oder ein „Hit“) angegeben. Die Princeton-Versuche arbeiten mit einer viel detaillierteren Versuchsanordnung, um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Bei einem normalen Versuch wird das Ziel nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, der Agent reist dorthin, schaut sich 10 bis 15 Minuten dort um und kann sich auf die Konturen des Ortes konzentrieren oder auch an den Perzipienten denken, der Kilometer entfernt in einem abgeschirmten Raum sitzt und zur selben Zeit in ein Mikrofon spricht, was er wahrnimmt. Auch macht er Skizzen. Dies spielt sich zu einer festgelegten Zeit ab, denn der Perzipient kann sich womöglich tausend Kilometer entfernt befinden. Angeblich konnte der Perzipient auch erfolgreich sein, noch bevor überhaupt das Ziel ausgesucht wurde (also vorher) oder auch Stunden nachdem der Agent dort war. Die Zeit scheint – häufige Erfahrung bei Psi-Experimenten – keine Schranke darzustellen.

1988 untersuchten Edwin May und seine Kollegen die SRI-Versuche von 1973 bis dahin, im ganzen 154 Experimente mit 20'000 einzelnen „Trials“. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Resultate zufällig entstanden waren, lag bei 1 zu 10 hoch 20. In Princeton lautete 1987 der Schluss aus 334 Experimenten, dass die sehr guten Ergebnisse aus purem Zufall mit einer Wahrscheinlichkeit von 2 zu 10 hoch 11 zu erwarten gewesen wären.

Theorie

Bis heute ist umstritten, ob das Phänomen der Fernwahrnehmung real ist und wenn ja, wie es funktioniert. Die beste Erklärung hierfür stammt von dem Engländer Jon Taylor, der sagt, es handle sich um eine Gehirn-zu-Gehirn-Kommunikation – der Perzipient stehe mit seinem Gehirn in der Zukunft in Verbindung und sehe praktisch das „Feedback“, das er später über seine Wahrnehmung erhalte. Der langjährige Mitwirkende an den US-Versuchen McMoneagle hat das indirekt bestätigt: Fernwahrnehmung werde dauernd fälschlicherweise so gedeutet, dass es bedeute, jemand „sehe“ wirklich das Target ... Ich kann sagen, dass das normalerweise nicht so ist. Telepathische Information spiele gewiss eine Rolle, jedoch auch andere Formen anomaler Kommunikation.

Edwin May, der über seine Arbeit gesprochen hat (etwa am 28. Januar 1996 in Freiburg), konnte auch nur Tricks und Methode erläutern. Er nennt Psi (23. Buchstabe des griechischen Alphabets) oder paranormale Erfahrungen „Anomalous Mental Phenomena“ (Anomale mentale Phänomene). Er sagte damals: „Wir tun das seit 20 Jahren. Eine allgemein anerkannte Anomalie. Unsere Arbeit ist es, herauszufinden, wie es funktioniert.“

Nach Mays Worten sind 15 Prozent der Informationen hervorragend, 80 Prozent akkurat, 69 Prozent verlässlich. Er arbeitete stets mit einem Team aus sechs hochbegabten Menschen (man kennt einige Namen: Ingo Swann, Keith Harary, McMoneagle), von denen die meisten länger als zehn Jahre im Projekt waren. May schätzt, dass ein Prozent der Bevölkerung medial begabt ist. Wenn Gehirnzellen dafür verantwortlich seien, dann seien sie womöglich im ältesten Teil des Gehirns zu finden, denn in unserem Zustand der Evolution bräuchten wir Psi-Funktionen nicht mehr.

Psychologische Variablen gehören dazu. Der erfahrene Versuchsleiter Targ erwähnte 1983 als Faktoren, die zum Gelingen von Fernwahrnehmung beitragen, Ernsthaftigkeit der Absichten, Feedback, vollständiges Vertrauen unter den Teilnehmern und Glauben an Psi. Erfahrende Perzipienten lernen ihre Leistungen zu verbessern, indem sie ihrer eigenen inneren Geräusche aus Erinnerung und Phantasie bewusst werden, sie herausfiltern und indem sie ihr Eindrücke aufschreiben und ihre mentalen Bilder zeichnen.

Robert Jahn aus Princeton hat darauf hingewiesen, dass sich die Resultate bis auf einige tausend Meilen nicht verschlechtern im Vergleich zu einigen Meilen, dass präkognitiv und retrokognitiv (Perzipient zeichnet lange nach dem Besuch des Agenten am Ort seine Eindrücke auf) keinen Unterschied machten. Das stützt wiederum die Theorie Taylors von der Gehirn-zu-Gehirn-Kommunikation. Wichtig jedoch sei, dass der Ort ein gewisses Maß an Informationen biete. Das ruhende Meer oder ein Feld bieten dem Perzipienten keine Anregungen. Auch die paranormale Wahrnehmung lebt von Informationen, und diese sind laut Shannon, was Informationen bewirken.